S.I.G.N.A.L. e.V.
Intervention im Gesundheitsbereich gegen häusliche und sexualisierte Gewalt

Interview mit Herrn Dr. Schupp und Frau Dirlenbach, Alexianer GmbH

Für den Newsletter haben wir im Juli 2017 mit Herrn Dr. Ralf Schupp, Präventionsbeauftragter der Alexianer GmbH und mit Frau Katja Dirlenbach, Präventionsbeauftragte der Alexianer St. Hedwig Kliniken GmbH in Berlin, gesprochen. Die Alexianer GmbH ist ein großer kathoklischer Träger u.a. von Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen und Rehaeinrichtungen.
 
S.I.G.N.A.L.: Herr Dr. Schupp, die Alexianer befassen sich auf Bundesebene seit längerem mit dem Thema Prävention von sexueller Gewalt. Wie ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema bei den Alexianern entstanden und welche Ziele verfolgen Sie?

Herr Dr. Schupp: Auslöser waren mittelbar der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und unmittelbar die darauf folgende Initiative der deutschen Bischöfe, konkret die Inkraftsetzung der Rahmenordnung zur Prävention und der Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch. Die Alexianer haben daraufhin sehr schnell eine eigene Leitlinie erarbeitet und die Grundlagen ihres Institutionellen Schutzkonzepts entwickelt. Das oberste Ziel sind natürlich die Sicherheit und der Schutz der Menschen, die sich uns anvertrauen, also der Patienten, Bewohner, Klienten und Beschäftigten. Daneben geht es uns auch um den Schutz unserer Mitarbeiter, die oft selbst Betroffene sexueller Grenzverletzung von Seiten Schutzbefohlener sind.

S.I.G.N.A.L.: Was wurde bereits realisiert? Woran arbeiten Sie derzeit und was ist geplant?

Herr Dr. Schupp: Zum Institutionellen Schutzkonzept gehören neben der Leitlinie eine Risikoanalyse, ein Verhaltenskodex und ein umfassendes Schulungskonzept. Das Thema Prävention spielt auch eine Rolle bei der Neueinstellung und der Begleitung von Mitarbeitern. Darüber hinaus haben wir Strukturen und Verfahrenswege der Intervention implementiert, falls es tatsächlich zu einer sexuellen Grenzverletzung von Mitarbeiterseite kommen sollte. So gibt es eine unabhängige Missbrauchsbeauftragte, die zugleich forensische Psychiaterin ist, und einen fachlich kompetenten, interdisziplinären Beraterstab. In Form von Handlungsleitfäden, die den verschiedenen Situationen angepasst sind, geben wir den Mitarbeitern Sicherheit im Umgang mit Verdachtsfällen und anderen schwierigen Situationen.

S.I.G.N.A.L.: Frau Dirlenbach, als Präventionsbeauftragte der St. Hedwig Kliniken sind Sie damit befasst Prävention von sexueller Gewalt in Ihren Einrichtungen zu etablieren. Was heißt das ganz konkret?

Frau Dirlenbach: Das bedeutet in erster Linie, die Mitarbeiter zu diesem Thema zu sensibilisieren und aufzuklären. In unseren Einrichtungen stehen wir durch unsere Arbeit häufig im engen Kontakt mit Patienten und Bewohnern. Prävention ist ein weitgefasster Bereich und beinhaltet viele Begrifflichkeiten. Deren genaue Bedeutung ist aber für viele unklar, dementsprechend gibt es viele Fragen. Was versteckt sich hinter einer Grenzüberschreitung, einer Grenzverletzung, einem sexuellen Übergriff oder einem Missbrauch? Gibt es eine offene Gesprächskultur über alle Ebenen, die auch das Thema Sexualität einschließt? Welche Haltung erlebe ich grundsätzlich dazu in meiner Einrichtung oder in meinem Team? Es ist wichtig, den Begriff Prävention mit Inhalten zu füllen und unseren Mitarbeitern zu diesen und weiteren Fragen eine Orientierung zu bieten.

S.I.G.N.A.L.: Ein wichtiger Baustein in Ihres Vorgehens ist die Schulung aller Mitarbeiter_innen. Die Schulungen sind für alle Beschäftigten verpflichtend und erfolgen hierarchie- und berufsgruppenübergreifend. Was versprechen Sie sich von diesem Vorgehen? Und bewährt es sich?

Frau Dirlenbach: Wir haben uns ganz bewusst für die flächendeckende Durchführung berufs- und hierarchieübergreifender Schulungen entschieden. In allen Bereichen und Berufsgruppen arbeiten Mitarbeiter auf verschiedenen Hierarchieebenen und haben – wenn auch sicher unterschiedlich ausgeprägt – Kontakt zu Schutzbefohlenen. Die Schulungen bauen neben der bereits angesprochenen Begriffsklärung auf einen aktiven Austausch miteinander auf und es zeigt sich, dass das Thema eine Relevanz hat. Grenzverletzungen gibt es ja nicht nur gegenüber Patienten und Bewohnern. Häufig sind auch Mitarbeiter davon betroffen, das zeigen die Beispiele aus der Praxis. Über konkrete Erfahrungen kommen die Mitarbeiter ins Gespräch. Es wird deutlich, dass das ein Thema aller Berufsgruppen ist und trägt dazu bei, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen.

S.I.G.N.A.L.: Was passiert rund um die Schulungen? Gelingt es die Auseinandersetzung mit dem Thema aufrecht zu erhalten bzw. immer wieder anzustoßen?

Frau Dirlenbach: Ich denke, durch die Praxisbeispiele in den Schulungen wird deutlich, welche grenzüberschreitende Situationen es im beruflichen Alltag geben kann. Das ist dann durchaus auch nach den Schulungen Thema in den Bereichen. Ich hatte auch schon Gespräche mit Mitarbeitern, die im Nachhinein noch konkrete Fragen zur Präventionsarbeit hatten oder mir zurück meldeten, dass sie die Schulungen und das Wissen um eine Ansprechpartnerin vor Ort positiv einschätzen.

S.I.G.N.A.L.: Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, die es bei der Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen zur Prävention sexueller Gewalt zu beachten gilt?

Herr Dr. Schupp: Schupp: Auf der einen Seite geht es primär um Schutz und Sicherheit der Menschen, die zu uns kommen. Auf der anderen Seite soll keine Atmosphäre des Misstrauens im Sinne eines Generalverdachts gegen Mitarbeiter entstehen. Hier liegt ein Spannungsfeld, das wohl nur durch die Entwicklung einer guten Fehlerkultur in Verbindung mit einer Sensibilisierung für das Thema zusammengehalten werden kann. Mitarbeiter müssen die Kompetenz für die Wahrnehmung sexueller Grenzverletzungen und das nötige Vertrauen in die Einrichtung, insbesondere die Führungskräfte, besitzen, um Vermutungen oder einen konkreten Verdacht bei den zuständigen Personen anzusprechen.

Fr. Dirlenbach: Grundsätzlich sind wir mit unseren Schulungen und der damit verbundenen Wissensvermittlung und Sensibilisierung auf einem guten Weg. Darüber hinaus ist eine klare Haltung im Unternehmen und in den Bereichen der Einrichtungen zu Themen wie Fehlerkultur, professionelles Handeln, Nähe und Distanz unabdingbar. Führungskräfte haben eine wichtige Vorbildfunktion, damit Mitarbeiter einen Verdachtsfall oder Vorfall erkennen und auch tatsächlich ansprechen.

S.I.G.N.A.L: Wohin können sich Interessierte mit weiteren Fragen zu den von Ihnen beschriebenen Aktivitäten und Erfahrungen wenden?

Herr Dr. Schupp: Erste Ansprechpartner sind natürlich die regionalen Präventionsbeauftragten vor Ort. Interessierte können sich auch an mich als Präventionsbeauftragten der Holding wenden. Wenn jemand die Vermutung hat, dass es sexuelle Grenzverletzungen in seinem Arbeitsfeld gibt, kann er oder sie sich auch an die regionale Vertrauensperson oder die Missbrauchsbeauftragte Frau Muysers wenden.

Fr. Dirlenbach: In der Region St. Hedwig habe ich neben meiner Funktion als Präventionsbeauftragte auch die Position der Vertrauensperson inne. Mitarbeiter können sich also mit ihren Fragen zur Präventionsarbeit gerne an mich wenden.

S.I.G.N.A.L.: Frau Dirlenbach, Herr Schupp, haben Sie vielen Dank für das Interview.

 

Kontakt:
Dr. Ralf Schupp, Präventionsbeauftragter der Alexianer GmbH, T: 02501 - 966-55150, r.schupp@alexianer.de

Katja Dirlenbach, Präventionsbeauftragte der Alexianer St. Hedwig Kliniken GmbH, Berlin: k.dirlenbach@alexianer.de