S.I.G.N.A.L. e.V.
Intervention im Gesundheitsbereich gegen häusliche und sexualisierte Gewalt

Traumatherapeutische Versorgung für Frauen mit schweren Traumafolgebeschwerden und ihre Kinder

Sexuelle, körperliche und psychische Gewalterfahrungen in Familie, Paarbeziehung oder durch eine andere bekannte Person können die psychische und körperliche Gesundheit der Betroffenen langfristig und in komplexer Weise beeinträchtigen. Folgen schwerer traumatischer Erfahrungen berühren und belasten zudem auch Kinder, die mit betroffenen Eltern(teilen) aufwachsen in ggf. nachhaltiger Weise. Traumatherapeutische Angebote richten sich derzeit selten an betroffene Frauen UND ihre Kinder. In Berlin sollen nun stationäre und tagesklinische Versorgungsangebote für Frauen mit komplexen Traumafolgestörungen entstehen, die explizit auch die Kinder der Frauen mit einbeziehen.

Im Interview Frau Dr. med. Iris Hauth, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin Weißensee. Frau Dr. Hauth engagiert sich seit mehreren Jahren gemeinsam mit der AG „Gewalt-Gesundheit“ des Berliner Netzwerks Frauengesundheit für die Verbesserung der traumatherapeutischen Versorgung gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder.
 

S.I.G.N.A.L.: Warum sind für gewaltbetroffene Frauen mit komplexen Traumafolgestörungen und ihre Kinder neue Angebote in der stationären sowie teilstationären Versorgung für Berlin notwendig?

Frau Dr. Hauth: Auch in Berlin gibt es eine Vielzahl von gewaltbetroffenen Frauen mit komplexen Traumafolgestörungen, deren Versorgung ambulant durch ärztliche und psychologische Psychotherapeuten gesichert ist. Zur vertieften Bearbeitung der komplexen Traumatisierung, aber auch in akuten Krisen, reicht die ambulante Behandlung oft nicht aus, so dass stationäre Aufenthalte notwendig werden. Leider werden die betroffenen Frauen dann häufig auf nicht spezialisierten Stationen mit anderen Patient*innengruppen aufgenommen. Dabei kann die Konfrontation mit anderen akuten Patient*innen vor allem auch männlichen Geschlechts zum erneuten Trigger ihrer Symptomatik werden und die Angst sowie auch die übrigen Symptome erhöhen. Aus diesem Grunde ist ein spezialisiertes Angebot sowohl stationär als auch zur Vertiefung der psychotherapeutischen Arbeit teilstationär mehr als sinnvoll. Viele der Frauen haben Kinder in unterschiedlichem Alter. Die betroffenen Frauen berichten, dass sie sich in Phasen der verstärkten Symptomatik sehr schwer tun, die konstante liebevolle Beziehung zu ihren Kindern aufrecht zu erhalten, so dass die Kinder möglicherweise Beeinträchtigungen in ihrer Entwicklung erleiden. Ein gemeinsames stationäres/teilstationäres Angebot in Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie soll es den Frauen erstens leichter machen, sich für eine stationäre/teilstationäre Behandlung zu entscheiden, zweitens die Beziehungskonstanz zwischen Müttern und Kindern gewährleisten und ggf. für Kinder, die bereits unter Belastungen leiden bzw. Auffälligkeiten und Beschwerden zeigen, Hilfe anbieten.

S.I.G.N.A.L.: Welche Angebote planen Sie in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee?

Frau Dr. Hauth: Im Alexianer St. Joseph-Krankenhaus bieten wir seit über 10 Jahren sowohl in einer stationären Einheit als auch in der Tagesklinik Pankow ein spezifisches Therapieangebot für posttraumatische Belastungsstörungen an. Dieses wollen wir ab 01.01.2019 weiter spezialisieren für gewaltbetroffene Frauen mit komplexen Traumafolgestörungen und ihre Kinder. Das Projekt wird von der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung unterstützt. Leider haben wir für dieses überregionale Angebot noch keine zusätzlichen Betten-/Tagesklinik-Kapazitäten, so dass wir zunächst mit wenigen Plätzen auf Nachfrage starten möchten. Wir sind in der Hoffnung, dass unser Krankenhaus im Landesbettenplan 2020 dafür zusätzliche Kapazitäten erhält.. Auch unser tagesklinisches Angebot in der psychosomatischen Tagesklinik in Pankow wird im Verlauf des Projektes frühestens ab 2020 Tagesklinik-Plätze für Frauen mit komplexen Traumafolgebeschwerden und ihre Kinder anbieten können.

S.I.G.N.A.L.: Für wen und wie sind die Angebote nutzbar?

Frau Dr. Hauth: Die betroffenen Frauen können durch ihre Hausärzt*innen, Fachärzt*innen für Psychiatrie und Psychotherapie, ärztliche und psychologische Psychotherapeut*innen sowie die spezifischen Beratungsstellen an uns überwiesen werden. Um den individuellen Bedarf der Betroffenen und ihres Kindes/ihrer Kinder zu klären, werden wir zeitnah ein Vorgespräch anbieten. Nach Klärung der Kostenübernahme durch die Krankenkassen und der Sicherung der Betreuung der Kinder kann die Aufnahme geplant stattfinden.

S.I.G.N.A.L.: Welchen Handlungsbedarf sehen Sie auf gesundheitspolitischer Ebene, damit die Zielgruppe gewaltbetroffener Frauen mit komplexen Traumafolgestörungen und ihre Kinder angemessen versorgt ist?

Frau Dr. Hauth: Der Bedarf der gewaltbetroffenen Frauen mit komplexen Traumafolgestörungen ist von der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung bereits gesehen worden. Im ersten Schritt wurde die Fachstelle Traumanetz Berlin mit zwei Vollzeitstellen eingerichtet. Ein wesentlicher und wichtiger Schritt, um die verschiedenen beratenden und therapeutischen Leistungserbringer sinnvoll und je nach Bedarf der Frauen zu vernetzen. Um die intensive psychotherapeutische Behandlung stationär und teilstationär zu sichern, ist eine Kapazitätserhöhung der drei in Berlin vorgesehenen Standorte, die aktuell durch die Pflichtversorgung in ihrer Region schon mehr als überlastet sind, unabdingbar. Wir hoffen alle, dass der Landesbettenplan 2020 diese Kapazitäten umsetzen wird.

S.I.G.N.A.L.: Wir bedanken uns für das Interview!


Kontaktdaten zum neuen Angebot für Interessierte:
Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin Weißensee, Station 9
Stationspfleger Herr Vallaster, Tel: 030-92790-490
Oberärztin Frau Dr. med. Fürstenberg, Tel.: 030-92790-217.

Homepage der Klinik: Klinik


Das Interview wurde im Dezember 2018 für den Newsletter der Koordinierungsstelle des S.I.G.N.A.L. e.V. geführt.

Platzhaltertext.